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16.06.02 -- Claudi + Loulou

Vorsicht lang !aber bitte GANZ durchlesen wenn ihr lest.














Das Thema Kampfhunde ist bissig. Und die Vorfälle werden auch noch zur gegenseitigen Schuldzuweisung (nicht nur auf den Hund) je nach Interessenlage (Zucht und Verkauf von Hunden) dem anderen Lager zugeschoben. Da behaupten die Freunde des Deutschen Schäferhunds gern, wenn sie mit dem Vorwurf des Spitzenreiters in der Beissstatistik konfrontiert werden, aber es sei natürlich der meistverbreitete Hund, daher würden auch überproportional viele Schäferhunde als Beisser erfasst.

Ein Blick auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung (wie gross ist die Gefahr, auf einen solchen Beisser zu treffen?) ist sicherlich hilfreicher als die nicht vielsagende Aufzählung, welche Rassen denn wohl am häufigsten auffallen. Doch auch diese Rechnung ist falsch. Denn wer meint, was "auffällig" ist, wer meldet überhaupt, wer erkennt auffällig Rassen, wer ordnet welche Gefahr wo ein?

Es wäre kein Problem, würden diese Zahlen nicht pauschal "zweck"-entfremdet werden. Es ist ein bisschen tierischer Rassimus dabei. Und das macht bedenklich.

Gegen wir mal ans Zahlenwerk. (Vorsicht, ich bin kein Mathematiker!)

Hundehasser machen glauben, ausgerechnet die Deutschen seien umzingelt von bösen Hunden. Hier etwas zur Ernüchterung: Unter 17 untersuchten Industrieländern (mit Kanada, USA und Japan) liegt Deutschland an vorletzter Stelle, was die Hundedichte pro Einwohner betrifft: statistisch nur 5,5 pro 100 Einwohner. Nur Japan hat mit 2,2 noch weniger. Hundefreundlicher sind USA (21,6), Frankreich (16,9), Australien (15,2), Kanada (14,1), Dänemark (13,3), Belgien (11,5), Grossbritannien (10,0), Schweden (9,6), Niederlande (8,3), Italien (7,8), Österreich (7,0), Norwegen (6,8) und die Schweiz (6,2).

Die geringste Hundedichte (ich übernehme hier mal die Statistikersprache) innerhalb Deutsch-lands, und dabei in den westlichen Bundesländern, befindet sich in Baden-Württemberg. In den östlichen Bundesländern liegt die Hundedichte um ein Drittel niedriger als im Westen. Erfasst wurden in dieser Statistik nur Städte (Quelle: Deutscher Städtetag). Einige Städte wie Zweibrücken, Pir-masens, Viersen und Berlin gehören seit Jahren zu den hundereichsten, dagegen schwäbische wie Stuttgart, Sindelfingen, Ulm, Esslingen, Tübingen, das badische Freiburg und vor allem ostdeutsche Städte zu den hundefeindlichsten.

Aus dieser - hier nicht näher bewerteten - soziopsychologischen - "Hundeabweisung" resultieren Meinungen und Urteile. Manche haben Folgen.

Das Bundesverwaltungsgericht (BVG) in Berlin entschied mit Urteil vom 19. Januar 2000, dass es zulässig sei, wenn Gemeindeverwaltungen von den Besitzern so genannter Kampfhunde eine spezielle (drastisch erhöhte) Steuer verlangen. Ein Bullterrier-Besitzer aus Sachsen-Anhalt hatte in vorhergehender Instanz erfolgreich gegen die Abgabe von 720 statt ortsüblich 90 Mark geklagt. Die Gemeinde ging in Revision. Der Halter hatte argumentiert, auch Schäferhund oder Dogge könnten zubeissen und stünden nicht auf der Kampfhundeliste. In einem fünfjährigen Rechtsstreit hatte er in beiden Vorinstanzen Erfolg gehabt. Der Vorsitzende Richter sagte zur Urteilsbegründung unter anderem: Auch sei durch die Differenzierung nach Hunderassen der im Grundgesetz verankerte Gleichheitssatz nicht verletzt. Eine Unterscheidung sei zulässig, wenn es dafür einleuchtende, sachliche Gründe gebe und keine Willkür vorliege. Zu dem Argument der Kläger, auch andere Rassen würden genau so oft zubeissen, sagte das Gericht: Schäferhunde oder Deutsche Doggen seien von der Bevölkerung stärker akzeptiert als Kampfhunde, weil sie mit ihnen eine jahrzehnte-lange Erfahrung habe. Dies sei ein objektiver Grund für die Unterscheidung.

Für den Hundehalter argumentierte Rechtsanwalt Walter Potthast, die Stadt Roßlau wolle mit ihrer Satzung, in der zwölf so genannte Kampfhundearten aufgeführt sind, die Anschaffung beispiels-weise von Pitbulls und Bullterriern verhindern. Die Stadt Roßlau geht in ihrer Steuersatzung bei den Kampfhunden von einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus, auch wenn dort bisher keine schweren Unfälle mit solchen "Viechern", wie Richter Hien bemerkte, registriert wurden.

Dies ist eine bemerkenswerte Aneinanderreihung von Unlogik und Leugnung jeglicher Biologie- und Kynologie-Erkenntnisse und vor allem eine mutwillige Falschauslegung der Beissstatistik des Deutschen Städtetags. (Wobei "Viecher" eindeutig eine herabsetzende Bemerkung ist.) Es geht nicht um tatsächliche Vorfälle, nur um eine Vermutung. Seine Urteilsbegründung fällt entsprechend sub-jektiv aus.

Das geradezu lächerliche Argument des Richters, dass die Bevölkerung Schäferhunde oder Doggen stärker akzeptiere als Kampfhunde, weil sie mit ihnen eine jahrzehntelange Erfahrung habe, zeugt von einer bodenlosen Unterstellung. Beweise für diese offensichtlich private Vermutung? Natürlich gibt es keine. Davon abgesehen, was "die Bevölkerung", also alle, als "Kampfhund" ansieht oder erkennt. Er nimmt die Akzeptanz aus dem Umstand, dass der Deutsche Schäferhund bekannter ist und wesentlich populärer, als Grund. Akzeptanz heisst Annehmbarkeit, er verwechselt dies mit Gewöhnung oder gar Sympathie.

Die klagende Gemeinde hatte als Grund angegeben, dass diese Hunde eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellten. Ist ein entsprechender Vorfall aktenkundig, der zu dieser Annahme hätte führen können? Nein.

Seit der Deutsche Städtetag seine Hunde-Beissstatistik aufstellt (Schrift "Der Stadthund. Anzahl. Steuern. Gefährlichkeit", 1997), prangt der Deutsche Schäferhund stets an erster Stelle der Rasse-hunde. Kein Wunder, denn er ist mit Abstand der populärste Hund in Deutschland. In einer Fussnote dazu: "Vermutlich ist hier ausschliesslich der Deutsche Schäferhund gemeint. Nicht auszuschliessen ist, dass auch belgische Schäferhundrassen erfasst wurden." Und andere? Städtetag-Fussnote: "Da die Städte Pitbulls separat genannt hatten, wurde darauf verzichtet, diese den Mischlingen zuzu-rechnen." Die Zahlen sind schon deshalb mit äusserster Vorsicht zu geniessen, weil die Rassen nicht von Fachleuten genannt werden konnten, sondern von Beamten ohne Kenntnis aufgelistet wurden, nachdem die Angaben der befragten 249 Stadtverwaltungen eingingen.

Der Vergleich der Beissstatistik (gemeldete Vorfälle, in 93 Städten erfasst) zum tatsächlichen Bestand ist schon interessanter. Ich nahm die Welpen-Registrierung 1966 des VDH als Grundlage an. Der Rassenbestand in Deutschland dürfte in Relation zu anderen Verbänden derselbe sein. Man darf also getrost hochrechnen. Es geht um die Verhältnismässigkeit, wer denn tatsächlich der meist-genannte Beisser im Land ist. Danach sind unter allen Rassehunden, die nach dem VDH schätzungs-weise 60 Prozent aller 4,8 Millionen Hunde in Deutschland ausmachen (40 Prozent sind Mischlinge) gut ein Viertel (26,14 Prozent) allein Deutsche Schäferhunde. Nur knapp drei Prozent jedoch Rottweiler. Und verschwindende 1,15 Prozent für Dobermänner. Alle VDH-anerkannten Bullterrier-Varianten zusammen ergeben 1,5 Prozent des 96er Welpenbestandes. Nur 0,4 Prozent als "ge-fährlich" eingestuften Molosser (Mastini, Bullmastiff, Bordeauxdoggen etc., aber ohne Deutsche Dogge und Boxer).

Die Erhebung des Deutschen Städtetags von 1991-1995 weist folgende Beissrangliste auf (insgesamt 7 216 Vorfälle): Mischlinge (inklusive Schäferhund-Mischlinge mit 159) mit 2 376 Fällen, Deutsche Schäferhunde (möglicherweise mit belgischen) mit 1 956, Rottweiler mit 542, Pitbull mit 320, Dobermänner mit 223, Bullterrier mit 169 und "Staffordshire"-Bullterrier (wahrscheinlich meist der amerikanische) mit 169, Dackel und "Terrier" mit je 160, Deutschen Doggen mit 119, Boxer mit 96, "Collie" mit 73, Riesenschnauzer (manche Städte differenzierten nicht zwischen Riesen-, Mittel- und Zwergschnauzer) wie Pudel (auch hier keine Grössenunterschiede) und "Husky" mit je 65. Cocker-Spaniel mit 56 und "Schnauzer" wie Hovawart mit je 46 folgen. Der rare Mastino Napoletano (bei den Kommunen als "gefährlich" geführt) ist mit 21 Fällen so selten vertreten wie der Kleine Münsterländer und der Spitz. Häufiger bissen nach diesen Angaben jedoch die als "lieb" propagierten Retriever: Labrador und Golden zusammen 53 mal. Der in der Gefahrenhundeverordnung auf-geführte Rhodesian Ridgebacks beissen demnach so viel zu wie Pekinesen (beide achtmal), aber ein Fünftel weniger als Irish Setter. Tabelle 7 der Städtetags-Schrift weist gar etliche Klein- und Kleinsthunde auf. Auf die Frage 6: "Welche Hunderassen gaben aufgrund ihrer Gefährlichkeit Anlaß zu ordnungsbehördlichem Einschreiten?" zählten 79 Städte-Beamte auch Peking Palasthund, Westi, Pinscher, Beagle und Basset dazu. Es darf gefährlich gelacht werden.

Entscheidend ist jedoch die Möglichkeit, von einer bestimmten Rasse gebissen zu werden, wenn man nun die absoluten Vorfälle in Relation zum Bestand setzt.

So ist die Rangliste der Beisser eine völlig andere:

Ich nehme nach aller Erfahrung mal an, dass der Pitbull maximal die Hälfte des gesamten Staffordshire-Bullterrier-Bestandes ausmacht, also etwa 0,3 Prozent des gesamten Rassehunde-bestandes. Im Vergleich zu seinem Vorkommen ist danach der Pitbull als Vierter der absoluten Beiss-rangliste (4,4 Prozent) der 15-fach-gefahrenrelevanteste Beisser.

Die Bullterrier-Varianten (mit American und English Staffordshire sowie Bullterrier - der Miniatur Bully kommt in der Beissstatistik nicht vor), fallen mit 4,7 Prozent an Vorfällen ebenso unangenehm auf, wenn man den Bestand zum Vergleich (1,4 Prozent) heranzieht. Sie beissen also mehr als drei-mal so oft zu wie ihr Bestand ausmacht. Nicht viel weniger die Rottweiler und Dobermänner, die ihren Bestand beim Beissen ebenfalls fast um das Dreifache übertreffen.

Die Deutsche Doggen halten beim Beissen ihren Anteil von 1,7 Prozent im Vergleich zu 1,6 Prozent des VDH-Welpenbestandes in der Waage. Golden und Labrador Retriever unterschreiten ihren Beissanteil deutlich: 0,7 Prozent beissen in der Statistik, halten aber zusammen 2,1 Prozent des Bestandes. Noch unauffälliger bleiben Teckel, die nur zu 2,2 Prozent an der Beissstatistik beteiligt sind, aber einen Bestand von über zehn Prozent aufweisen. Der in der Gefahrenhundeverordnung aufgelistete Mastino Napoletano fiel laut Städtetag-Statistik 21mal auf, macht 0,3 Prozent an Vor-fällen. Sein Bestandsanteil laut VDH: etwa 0,06 Prozent. Aber hier wird die Relation zur Tat ver-gleichsweise bedeutungslos. Andere Molosser sind in der Beissstatistik nicht auffällig geworden. Der "Gefahrhund" Rhodesian Ridgeback drittelt seinen Bestandsanteil von 0,35 Prozent beim Beissen mit 0,11 Prozent.

Da fällt der mit über einem Viertel am Gesamtbestand auftretende Deutsche Schäferhund nicht unangenehm auf, der beim Beissen mit 27,1 Prozent in seinen Bestands-Verhältnissen bleibt; selbst mit den Schäferhund-Mischlingen bei 29,3 Prozent.

Nach den von den teilnehmenden Städten erfassten Vorfällen kommen - in Relation zu ihrer tatsächlichen Population (geschätzt aus der VDH-Welpenstatistik plus einem geringen Aufschlag an nicht VDH-registrierten Hunden) - die meisten Beissunfälle bei Pitbulls vor. (Der Pitbull wird von VDH nicht registriert. Ich schätze die Gesamtzahl der Pitbulls in Deutschland aber nicht höher ein als die der American Staffordshire Bullterrier.) Es folgen mit Abstand - dort auf fast gleicher Stufe - alle anderen Bullterrier-Varietäten, dann schon die Rottweiler (dessen Bestand als eine der wenigen populären Rassen stetig wächst) und Dobermänner.

Also exakt das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom gefährlich erscheinenden Hundetyp macht. Nur die "gefahren-hundeverordneten" Molosser tauchen - bis auf den Mastino Napoletano - gar nicht als Beisser auf. Und der eben erwähnte auch nur in vernachlässigbarer Zahl.

Keine deutsche Rasse ist in der Gefahrenhunde-Verordnung aufgeführt.

Und die Mischlinge? In der Statistik tauchen sie an erster Stelle auf, alle anderen Rassen ordnen sich falsch danach ein. Korrekt ist jedoch, dass sie als geschätzte 40 Prozent am Gesamtbestand aller Hunde nur zu einem knappen Drittel als Beisser ertappt wurden. Wobei die Statistik alle, also grosse und kleine Mischlinge, als "Übeltäter" erfasste. Die anderen, die kennt man nicht als gefährlich - und wenn doch, dann meist nur aus den Medien.

Aus welcher Quelle stammt die ursprüngliche Gefahrhunde-Liste? Es war ein Ausbilder des Deutschen Schäferhund-Vereins. Ich will den Namen nicht öffentlich nennen. In dieser Liste, die ohne fachliche Begründung von jedem Ordnungsamt übernommen wurde, ist keine einzige deutsche Hunderasse aufgeführt.

Wie sagte doch Churchill: Ich glaube keiner Statistik, wenn ich sie nicht selbst gefälscht habe. Auch die eigennützige Interpretation ist bereits eine Fälschung.
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