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Hat Ihr Hund Sie gut im Griff?

- von J. Hamprecht-Göppner

Jedes Hunderudel und auch jedes Mensch-Hunde-Rudel braucht einen Chef. Die meisten Hundebesitzer sind der Überzeugung, dieser Chef seien sie. Als Beweis führen sie an, daß ihr Hund schließlich ein ganz lieber, verträglicher sei und keine zähnefletschende Bestie. Was sie dabei übersehen, ist der Umstand, daß gut sozialisierte Hunde ihre Rangstellung immer mit dem geringst möglichen Maß an Aggression behaupten. Sie haben ein umfangreiches Repertoire sehr differenzierter Ausdrucksweisen, die von Artgenossen sehr wohl verstanden werden. Leider beherrschen viele Besitzer nicht die Kunst, "hundlich" zu denken und gehen ihrem Vierbeiner dadurch ins Netz. Die folgenden Beispiele zeigen Verhaltensweisen von Hunden und ihre typisch menschlichen Fehlinterpretationen:

  • Ihr Hund fordert Sie durch Schnauzenstubser und/oder Pföteln dazu auf, ihn zu streicheln oder mit ihm zu spielen. Wenn er genug hat, geht er wieder. Versuchen Sie, die Zuwendung vorher zu beenden, bedrängt er Sie weiter. Mensch denkt: "Mein Hund zeigt mir seine Zuneigung" und freut sich. Die Bedeutung für den Hund: Der Chef bestimmt Zeitpunkt und Dauer der Zuwendung.
  • Ihr Hund liegt am Boden. Wenn Sie an dieser Stelle vorbei müssen, gehen Sie entweder um Ihren Hund herum oder steigen über ihn drüber. Mensch denkt: "Er liegt so friedlich und vertrauensvoll da, daß ich sogar über ihn steigen kann, ohne daß er sich bewegt". Der Hund versteht: Den Chef vertreibt niemand von seinem Liegeplatz. Alle untergeordneten Rudelmitglieder weichen aus.
  • Wenn Sie das Haus zum Gassigehen verlassen, stürmt Ihr Hund grundsätzlich vor Ihnen aus der Tür. Mensch denkt: "Er freut sich so auf den Spaziergang, daß er es kaum erwarten kann". Bedeutung für den Hund: Der Chef geht immer voraus.
  • Besuch kommt. Ihr Hund rast aufgeregt, vielleicht bellend, zur Tür. Sobald diese geöffnet wird, ist er kaum zu beruhigen, bellt, springt den Besuch an. Sitzt der Gast endlich im Wohnzimmer, will der Hund gestreichelt werden. Mensch denkt: "Mein Hund freut sich so, daß er jeden stürmisch begrüßen will". Der Hund versteht: Jeder der das Revier betritt, hat sich dem Chef zu fügen. Der Chef fordert Zuwendung und Aufmerksamkeit und bekommt sie auch.
  • Beim Spaziergang ohne Leine rast Ihr Hund plötzlich los und verschwindet aus Ihrem Sichtbereich. Ihr Rufen ignoriert er völlig. Nach einer Weile (die nur wenige Sekunden, aber auch Stunden dauern kann), kommt er wieder zurück. Bedeutung für den Hund: Der Chef fordert das Rudel zur Jagd auf. Das Rudel folgt ihm oder hält durch Laute (Rufen) mit ihm Kontakt, um ihn nicht zu verlieren.
  • An der Leine wird Ihr sonst verträglicher Hund öfter zur Furie. Er attackiert knurrend und bellend andere Hunde, auch wenn er ohne Leine mit ihnen spielt. Nehmen Sie ihn kürzer, wird er noch aggressiver. Der Mensch versteht dieses Verhalten meist gar nicht. Bedeutung für den Hund: Der Chef muß sein Rudel verteidigen. Durch den engen Leinenkontakt hat er aber nicht die Möglichkeit, den "Feind" abzulenken und wegzulocken, also muß er ihn unbedingt vertreiben.
  • Ein Kommando wie "Sitz" oder "Platz" wird von Ihrem Hund grundsätzlich erst nach mehrmaliger Aufforderung befolgt. Sitzt oder liegt er endlich, steht er sofort wieder auf. Der Mensch denkt: "Eigentlich gehorcht mein Hund, er macht ja, was ich sage". Bedeutung für den Hund: Der Chef entscheidet, was gemacht wird. Er darf den Befehl ignorieren oder selbständig wieder auflösen.

Diese Reihe ließe sich durchaus noch weiterführen. In keiner der aufgezeigten Situationen zeigt der Hund irgendeine Form von Aggression gegenüber seinem Besitzer. Das muß er auch nicht, weil dieser sich ja auch so wunschgemäß verhält. Typisch für solche Hunde ist in der Regel, daß sie nicht zuverlässig gehorchen. Wird mit dem Hund auf dem Hundeplatz gearbeitet, zeigt er sich häufig uninteressiert. Manche Hunde differenzieren auch die unterschiedlichen Situationen und gehorchen auf dem Hundeplatz ohne Probleme, stehen aber außerhalb nicht mehr oder deutlich schlechter im Gehorsam. Diese "stille" Dominanz ist in vielen Fällen die Vorstufe zu sichtbar aggressivem Verhalten. Dann nämlich, wenn der Hund seine Chefposition bedroht sieht und zu stärkeren Mitteln greifen muß, um sie zu bewahren.

 

 
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